Dahinter kann sich neben Unsicherheit auch die Angst davor verbergen, etwas Falsches zu sagen, Punkte zu verlieren oder nicht gut genug zu sein. Wir wissen: Lernen verläuft nicht geradlinig. Und das dürfen auch die Lernenden erfahren. Unser Education Specialist Lenny Staples erklärt, warum eine gesunde Fehlerkultur in der Schule wichtiger ist denn je.
Umgang mit Fehlern im Schulunterricht
Lernen ist selten sauber, sicher nicht perfekt und fast nie fehlerfrei. Wenn Lernende etwas Neues verstehen, gehen sie davor durch einen Prozess. Sie probierten aus, irrten sich, korrigierten, verwarfen und begannen noch einmal von vorne. Dabei gehören Fehler als fester Teil zur Aneignung von neuen Fähigkeiten und neuem Wissen. Und trotzdem ist die Fehlervermeidungskultur an Schulen weit verbreitet.
Eine gesunde Fehlerkultur zeigt sich nicht darin, dass weniger Fehler passieren. Entscheidend ist, was danach geschieht: Reagieren Lehrpersonen mit Bewertung oder mit Rückfragen? Fördern Noten das Lernen oder die Angst vor dem Scheitern? Und helfen digitale Werkzeuge wie iPad dabei, Fehler sichtbar zu machen, zu korrigieren und zu besprechen? Am Ende geht es nicht um fehlerfreies Lernen, sondern um Lernende, die sich trauen, auszuprobieren und dranzubleiben.
Eine gesunde Fehlerkultur beginnt bei den Lehrpersonen
Wenn wir von Fehlerkultur an der Schule sprechen, denken viele zuerst an Schülerinnen und Schüler. Dabei beginnt sie bei den Erwachsenen im Raum. Eine gesunde Fehlerkultur zeigt sich darin, dass Fehler ernst genommen werden, ohne zu verurteilen oder zu beschämen. Sie steht für Lehrpersonen, die nicht nur auf das Ergebnis schauen, sondern auch den Denkweg und den Lernprozess dahinter sehen.
Die entscheidende Frage lautet also nicht: «Warum ist das falsch?», sondern: «Wie bist du darauf gekommen?». Das ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Es ist eine Haltung. Wer so fragt, macht deutlich: Mich interessiert dein Denken, nicht nur das richtige Resultat.
Lehrpersonen als Vorbild in der gesunden Fehlerkultur
Dazu, die Fehler konstruktiv zu sehen, gehört auch, dass Lehrpersonen selbst nicht den Eindruck erwecken, sie müssten immer fehlerlos sein. Kinder profitieren davon, wenn Erwachsene vorleben, wie man sachlich mit Irrtümern umgeht. Ein «Da habe ich mich unklar ausgedrückt» oder «Ich habe mich geirrt» ist kein Autoritätsverlust, sondern gelebte Lernkultur.
Ein mögliches Problem: Zu starke Fixierung auf Resultate
Schule belohnt traditionell das richtige Ergebnis. Resultate sind sichtbar, vergleichbar und leicht zu bewerten. Schwieriger wird es beim Prozess: beim Suchen, Tasten, Ausprobieren, Scheitern und Neuansetzen. Doch das gehört zum Lernprozess dazu.
Eine Schule, die Entwicklung ernst nimmt, erkennt deshalb den Prozess als Kern von Bildung. Denn bei zu starkem Fokus auf der Bewertung von Endprodukten, bleibt der Blick auf wichtige Entwicklungen auf der Strecke – auch auf die sozio-emotionalen Ebene bezogen.
Noten und Fehler: ein heikles Verhältnis
Kaum etwas prägt unseren Umgang mit Fehlern so sehr wie die Bewertungskultur. Das klassische System funktioniert nach einem einfachen Muster: Man startet symbolisch oben und für Fehler gibt es Abzug. Jeder Fehler markiert also einen Verlust. Dadurch können sich Fehler wie ein Rückschritt anfühlen.
An gewissen Schulen werden mit den Lernenden Zielnoten vereinbart, auf die sie hinarbeiten. Das geht in eine andere Richtung als das konventionelle System, verlangt aber viel Unterstützung und Begleitung durch die Lehrpersonen.

Gang und gäbe sind noch immer klassische Prüfungen und Bewertungen für die Beurteilung von Lernerfolgen. Das motiviert viele Schülerinnen und Schüler vor allem dazu, eine gute Note zu erreichen. Ob sie den Stoff wirklich verstanden haben und ihn in ihre Lebenswelt übertragen können, bleibt dabei unklar.
Hinzu kommt, dass Noten weit über die Schule hinaus auch in der Berufswelt gewichtet werden. Andere Stärken, etwa sozio-emotionale Kompetenzen, können dadurch in den Hintergrund geraten.
Lernen durch Fehler – aber nur, wenn wir sie bearbeiten
Der Satz «Aus Fehlern lernt man.» stimmt nur halb. Man lernt nicht automatisch aus Fehlern, sondern aus der Auseinandersetzung mit ihnen. Ein Fehler wird erst dann produktiv, wenn er nicht einfach markiert und stehen gelassen, sondern weitergeführt wird. Wenn ein Kind versteht, warum etwas noch nicht passt. Wenn es die Chance bekommt, umzudenken. Wenn Rückmeldung den nächsten Schritt ermöglicht.
Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne, wird das Zitat zugeschrieben: «Ich habe nicht versagt. Ich habe nur 10.000 Wege gefunden, wie es nicht funktioniert.» Lernen durch Fehler braucht Zeit, Beziehung und Lehrpersonen, die Fehlversuche didaktisch nutzen. Ein guter Unterricht erkennt im Fehler Information: Welche Vorstellung steckt dahinter? Welche Teilkompetenz ist schon vorhanden? Wo liegt die nächste Entwicklungszone?
Was uns Games beim Thema Fehler voraus haben
Ein Blick in die Welt der Games bringt Aufschluss. Scheitern gehört dazu. Niemand erwartet, ein neues Level beim ersten Versuch zu meistern. Man probiert, verliert, beginnt neu und kommt schrittweise weiter. Genau das motiviert.

Im Spiel startet man bei null oder auf dem bisher erreichten Level und arbeitet sich von da aus hoch. Fortschritt wird sichtbar, Wiederholung ist selbstverständlich und Rückmeldung kommt sofort. Im Spiel bedeutet ein Fehler «noch nicht geschafft». In der Schule sehen wir eine umgekehrte Logik: Symbolisch startet man oben und mit jedem Fehler geht es runter. Eine gute Note kann durch einen Fehler also relativiert werden und an Wert verlieren. Diese Gegenüberstellung zeigt: Menschen können gut mit Frustration umgehen, wenn der Rahmen stimmt. Wenn Neubeginn erlaubt ist. Wenn Fehler nicht das Ende markieren, sondern den nächsten Versuch.
Vielleicht sollten wir Unterricht öfter so denken: weniger als Teststrecke und mehr als Lernweg. Nicht im oberflächlichen Sinn von Gamification, sondern in einer tieferen Logik von üben, scheitern, verstehen, weiterkommen.
Und was haben Fehler mit dem iPad im Unterricht zu tun?
Sehr viel. Digitale Medien schaffen allein natürlich keine gute Fehlerkultur, aber durch die digitalen Medien werden Fehler deutlich besser sichtbar und nutzbar. Im iPad steckt dabei grosses Potenzial: Texte können überarbeitet, Audioaufnahmen neu eingesprochen, Videos mehrfach aufgenommen und Ideen schrittweise weiterentwickelt werden.
Fehler müssen also nicht versteckt werden, sondern können direkt bearbeitet werden. Darin liegt eine spannende Chance: Lernen wird nicht nur am fertigen Produkt sichtbar, sondern auch in den Zwischenschritten.
Gleichzeitig lässt sich mit iPad verdeutlichen, ob Unterricht lernorientiert ist oder nur digital wirkt. Ein häufiger Stolperstein besteht darin, analoge Aufgaben einfach auf den Bildschirm zu verschieben, ohne dass sich didaktisch etwas verändert. Dann bleibt der Fokus weiterhin auf dem richtigen Ergebnis, auf einer schönen Abgabe oder auf einem möglichst fehlerfreien Produkt. Das iPad wird dann zwar genutzt, aber nicht sinnvoll eingesetzt.
Entscheidend ist die pädagogische Absicht dahinter: Was sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, denken, ausprobieren oder reflektieren? Erst wenn das klar ist, kann das iPad seine Stärke entfalten. Besonders wertvoll ist es dort, wo mehrere Anläufe erlaubt sind, Entwürfe sichtbar werden und Überarbeitung selbstverständlich ist. Ein Erklärvideo darf unfertig starten, ein Text darf wachsen, eine Präsentation darf sich entwickeln. So erleben Kinder Fehler nicht als peinlichen Bruch, sondern als normalen Teil des Lernprozesses.
Typische Hürden gibt es trotzdem. Wenn der Fokus zu stark auf schönen Endprodukten liegt, wenn Aufgaben zu unklar sind oder wenn Kinder das Gefühl haben, vor allem nichts falsch antippen oder absenden zu dürfen, wird Fehlerangst einfach ins Digitale verschoben. Auch Lehrpersonen geraten hier manchmal unter Druck, weil sie meinen, technisch alles perfekt beherrschen zu müssen. Dabei braucht guter iPad Unterricht keine Perfektion, sondern Offenheit, Struktur und die Bereitschaft, gemeinsam zu lernen.
Gerade deshalb kann das iPad ein starkes Werkzeug für eine gesunde Fehlerkultur sein, aber nur dann, wenn es für mehr Entwicklung genutzt wird. Nicht nur die Lösung sollte sichtbar werden, sondern auch der Weg dorthin.
Fehler gehören zum Lernen dazu – analog wie digital
Eine gesunde Fehlerkultur entsteht dort, wo Lehrpersonen auf den Weg zum Ergebnis schauen, dorthin, wo Rückmeldungen Weiterlernen ermöglichen und wo Kinder erleben: Ich darf scheitern, überarbeiten und es nochmals versuchen.
Digitale Werkzeuge wie das iPad können dabei unterstützend sein. Sie machen Lernprozesse sichtbarer, erlauben mehrere Anläufe und erleichtern Überarbeitung. Gleichzeitig zeigen sie auch nachvollziehbar auf, ob Unterricht wirklich lernorientiert ist oder nur digital wirkt. Für eine zukunftsfähige Schule sind zwei Aspekte von zentraler Bedeutung: Zum Einen der Mut, Fehler neu zu denken, und zum Andern die Kompetenz, digitale Medien so einzusetzen, dass aus Fehlern echte Lernchancen werden.
Wir unterstützen dich und dein Team
Fragst du dich, wie du mit iPad einen Nutzen aus der Fehlerkultur an deiner Schule schöpfen kannst? Wir sind für euch da.
